Dienstag, 8. Juni

Ärzte und Tattoos

Geht das?

von Yavi Bartula

Ärzte haben eine außerordentlich wichtige Vorbildfunktion. Verlieren Sie diese zusammen mit Glaubwürdigkeit uund Seriosität, wenn sie Totenköpfe oder nackte Frauen auf sichtbaren Körperstellen tätowiert haben?

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Foto: Brandmarke / pixelio.de

Tattoos sind Körperschmuck. Schmuck ist Geschmackssache und die kann bei jedem Menschen anders ausfallen. Und so gehen auch die Meinungen bezüglich tätowierter Ärzte weit auseinander. Bevor diese betrachtet werden, sollte die objektive Sachlage geklärt werden. Klar ist: Es gibt kein Gesetz, das Ärzten Tattoos verbietet, denn wie jeder andere auch, hat auch diese das Recht auf Selbstbestimmung. Körpermalereien in diesem Berufszweig sind also definitiv keine Frage der rechtlichen Legitimation, sondern vielmehr des wie, was und wo. Also der ästhetischen Darstellung.

Ein Arzt sollte sich also dessen bewusst sein, dass Körperstelle und Tattoomotiv über sein Image entscheiden können. Besonders ältere Generationen können irritiert, unsicher oder empört reagieren, wenn ihnen bei der Behandlung bestimmte Bilder entgegen lachen. Eine verstörte Reaktion kann nicht nur durch eine kontroverse Motivwahl verstärkt werden, sondern auch durch Größe und Fläche des Tattoos. Je großflächiger der Arzt tätowiert ist, desto negativer kann er dem vorurteilsbehafteten Patienten auffallen. Apropos Vorurteile. Noch immer und vor allem bei älteren Herrschaften halten sich die uralten Klischees, dass sich mit Vorliebe Drogen- und Alkoholabhängige, Kriminelle oder wilde Abenteurer (wie damals die Piraten) tätowieren lassen. Diese Assoziationen von Alkohol mit Tattoos und andersherum sind zwar veraltet, doch überraschenderweise gar nicht so surreal – wie neuerdings eine französische Uni-Studie belegte. Die Auswertung zeigte: Besonders stark tätowierte Menschen trinken mehr Alkohol. Also sind Tattoos der Ausdruck einer instabilen Psyche?

Pauschal und aus psychologischer lässt sich diese Frage natürlich nicht beantworten. Aber dass viele Menschen sie ad hoc mit einem lautstarken „Ja!“ beantworten würden, ist Fakt. Dabei wird von ihnen oft nicht mitbedacht, dass Tattoos heutzutage nicht (immer) zur Selbstherapie dienen oder im Suff auf der Reeperbahn gestochen wurden, sondern vor allem einfach extrem angesagt sind. Ein weit verbreiteter, cooler Trend, eine modische Erscheinung nicht nur in Rocker- oder Rüpelkreisen, sondern in allen Gesellschafts- und Berufsgruppen. Studenten, Politiker oder Popstars unterstreichen mit diesen Statements aus Tinte ihre Persönlichkeiten, provozieren oder präsentieren. Auch das dürfen Ärzte.

Doch müssen sie sich darüber bewusst sein, dass einige Patienten eventuell nicht ein zweites Mal wiederkommen. Entweder sie leben selbstbewusst und überzeugt mit einer gewissen (gesellschaftlichen) Ablehnung, oder sie wählen von vornhinein Körperstellen, die im Berufsalltag einfach nicht gesehen werden. Und das ist gar nicht so schwer, schließlich bedecken Kittel und lange Beinbedeckungen eigentlich immer genügend Teile des Körpers, als dass die Tattoos zur Schau gestellt werden. Was man nicht weiß, macht nicht heiß. So lange also Handflächen, Unterarme, Hals- und Kopfbereich unbemalt bleiben, wird kein Mensch Anstoß daran finden. Auch nicht der potentielle Arbeitsgeber, der den Bewerber bei einem Vorstellungsgespräch kritisch beäugen könnte. Und selbst dieser könnte bei der Kenntnis über Tattoos seines neuen Arbeitnehmers eigentlich einfach froh über einen Neugewinn sein. Denn: Besser ein tätowierter Arzt, als gar keiner. Und über zu viele kann sich die medizinische Berufslandschaft in Deutschland ja schließlich nicht beschweren.

Und außerdem sagen Tattoos, genauso wie Frisur, Körpergröße oder Augenfarbe, nichts über die Qualifikationen oder fachlichen Fähigkeiten aus. Wenn Arbeitsgeber und Patienten das verstehen und akzeptieren, dann müssen Ärzte nicht weiter mit negativer Resonanz oder mangelndem Vertrauen seitens der Patienten und sogar Kollegen kämpfen. Und dass sie das tun, thematisiert auf interessante Weise ein Artikel in der Ärztezeitung. Die These: Tattoos wirken aggressiv, nicht attraktiv. Spinnen wir den Gedanken weiter, könnte einem tätowierten Arzt vielleicht sogar unterschwellig mangelnde Empathie oder Sensibilität unterstellt werden. Richtig?

Auch das wird jeder Patient selbst entscheiden. Denn letztlich bleiben Tattoos eine Frage des Geschmacks, der persönlichen Symbolisierung und des ästhetischen Empfindens –  sowohl auf Seiten des Trägers, als auch des Betrachters. Also wird der Arzt auf Patienten treffen, die seine Tattoos mögen oder schlichtweg übersehen, und dann auch welche, die ihre Skepsis gegenüber seines Körperschmucks nicht ablegen können. Doch eins sollten wir alle nicht vergessen: Ärzte sind eben nicht echte Engel in Weiß, sondern Menschen. Und die dürfen sich frei ausdrücken, wie jeder andere auch. Auch ikonisch.

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