Samstag, 4. September

Bitte Abstand halten

Diskretion

von Johanna Weiß

Anfang der 90er Jahre gab es eine Werbung, bei der ein junger Mann beim Einkaufen diverse Dinge auf das Band an der Kasse legte. Die Kassiererin griff nach einer Packung und rief quer durch den vollen Supermarkt „Tina, was kosten die Kondome?“. Der junge Mann versank vor Scham im Boden. Könnt ihr euch erinnern? Das war natürlich lustig, weil jeder sich in diese Situation versetzen konnte und froh war, nicht der Bloßgestellte zu sein. Erfahren andere Menschen aber von uns intime Details, ohne, dass wir es wollen, finden wir das nicht mehr witzig.

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Ich bin in der Praxis arbeiten und bei mir am Tresen steht ein Patient. Er erzählt mir, was er hat, damit ich es schon in den Computer eintragen kann. Eine weitere Patientin betritt die Praxis, läuft am „Bitte Diskretion wahren“-Schild vorbei und stellt sich direkt neben den anderen Patienten. Nach ein paar Sekunden  unterbricht sie ihn mit den Worten „Ich habe jetzt einen Termin, sie können mich ja schon einmal eintragen.“ Der Patient schaut verwirrt und erschrocken auf. Die Dame steht direkt neben ihm und hat jedes seiner letzten Worte mitgehört.

Verwirrt war ich auch. Vor allem fand ich es aber sehr dreist. Ich bat dann die Patientin um einen Moment Geduld und sagte ihr, dass sie doch bitte ein wenig Abstand nehmen möge. Daraufhin reagierte sie schon sehr ungehalten und stellte sich nur ungern hinter das „Diskretions-Schild“. Als sie dann an der Reihe war, beschwerte sie sich bei mir, dass sie das unmöglich findet. Wie könne ich es mir nur erlauben, sie quasi vor die Tür zu schicken, wo sie doch schon seit Jahren bei uns Patientin ist. Ich versuchte ihr dann zu erklären, dass bei mir am Tresen mit Patienten teils sehr sensible und persönliche Dinge besprochen werden, die Niemanden etwas angehen. Ich fragte sie, ob es ihr gefallen würde, wenn sie am Bankautomaten steht und eine fremde Person stellt sich neben sie und schaut zu. Das beeindruckte sie gar nicht, schließlich wäre das etwas anderes. Sie ging sich dann bei meinem Chef beschweren. Als dieser ihr dann sagte, dass ich in seinem Sinne gehandelt habe, verstand sie die Welt nicht mehr und verließ wütend die Praxis.

Die übrigen Patienten schüttelten nur die Köpfe. Und der Patient, den die Dame unterbrochen hatte, war sehr froh, dass ich so reagiert habe. Denn ihm war es sehr unangenehm, dass plötzlich jemand neben ihm auftaucht und mithört.
Natürlich ist nicht jeder Patient so. Aber solch eine Situation hab ich jeden Tag mindestens einmal.

Es gibt aber auch Mediziner, für die Diskretion eher im Hintergrund steht. Vor allem in Notaufnahmen habe ich es schon oft erlebt, dass mitten auf dem Gang Anamnesen erhoben wurden. Ist der Patient schwerhörig, bekommen es alle anderen Anwesenden in anderen Behandlungszimmern und im Wartezimmer auch mit. Geht es um einen gebrochenen Arm, ist das vielleicht noch nicht so schlimm. Hat der Patient aber blutende Hämorrhoiden oder wird er zu Sexualverhalten oder Stuhlganggewohnheiten befragt, wird es schon kritisch.

Jedoch finden wir nicht nur in der Medizin solche Situationen. Auch der Alltag bietet genug Beispiele. Neulich war ich bei der Post. In den Filialen, in denen auch eine Bank mit integriert ist, erlebt man das immer wieder. Als ich einmal ein Paket zur Post gebracht habe, wurde ich Zeugin eines Bankberatungsgespräches eines völlig fremden Mannes. Eine Postbeamtin erklärte am Schalter ihrem Kunden, wie viel Geld er auf seinen Konten hat. Da der Mann etwas älter war und schlecht hörte, brüllte sie es ihm förmlich zu. Alle Kunden, die sich in dieser Filiale befanden, wussten nun, dass der Mann 100.000€ auf dem Konto hat. Wo ist da der Datenschutz? In einer anderen Filiale drehte eine Postbeamtin ihren Bildschirm zur Kundin und alle, die hinter ihr standen, konnten fröhlich Einblick in ihre Bankdaten erhalten.

Es gibt wiederum auch Menschen, die scheinbar gar kein Schamgefühl besitzen. Da wird dann lauthals vom Abszess am Po erzählt oder welche Farbnuancen der Auswurf hat. Das freut natürlich alle Mitpatienten, die in den Genuss dieses Gespräches kommen dürfen.

Ich kann mich auch noch an einen anderen Patienten erinnern, der zu uns auf Station kam. Er war gerade zehn Minuten in seinem Zimmer, da zog er sich schon bis auf die Unterwäsche aus und lief dann auf dem Flur der Station umher. Dass er dabei auch allen Anwesenden durch seine viel zu kurzen Boxershorts tiefe Einblicke gewährte, störte ihn nicht im Geringsten.

Manchmal geht es leider recht schnell, dass man in eine Situation kommt, wo man nicht die komplette Diskretion waren kann. Das ist mir auch schon passiert. Aber ich hoffe, dass ich es in Zukunft einhalten kann. Denn es ist mir sehr wichtig, dem Patienten das Gefühl zu geben, dass all seine Probleme und Erkrankungen vertraulich behandelt werden. Werde ich zum Patienten, möchte ich das nämlich auch.

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