Dienstag, 8. Juni

Das Prüfungs-Diarrhoe-Syndrom

Prüfungsstress

von Johanna Weiß

Prüfungszeit ist Stress und äußert sich meist in einem typischen Krankheitsbild – das Prüfungs-Diarrhoe-Syndrom. Dabei handelt es sich um eine recht häufige Erkrankung mit einer eindeutigen Beschwerdesymptomatik. Die Inzidenz unter Studierenden beträgt 1:1 bis 1:10, je nach geprüftem Fach, Art der Prüfung (mündlich vs. schriftlich) und dem Prüfer.

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Pathogenese:

Aufgrund der nahenden Prüfung kommt es zu einem Anstieg der Lernmotivation in Verbindung mit einer Interessensverlagerung. Freunde, Ausgehen, Fernsehen und Feiern werden nebensächlich. Der Schreibtisch und die heimische Bibliothek rücken in den Mittelpunkt des Alltags. Dieser Zustand ist jedoch reversibel. Aufgrund des erhöhten Kaffeeverbrauchs kommt es zu einer Verschiebung der Tag-Nacht-Rhythmik. Nicht selten werden Fälle von Lerneinheiten bis tief in die Nacht beschrieben, was dann wiederum zu einem Ausschlafen bis 11 oder 12 Uhr führen kann. In sehr seltenen Fällen kann sich dies auch umkehren und es kommt zu einem verfrühten Aufstehen und einem deutlich früheren zu Bett gehen. Die Pathogenese dieses Mechanismus ist aber noch nicht ausreichend geklärt. Aufgrund der nahenden Prüfung kommt es zu einem Anstieg der Adrenalin- und Kortisolspiegel im Blut, was dann in Verbindung mit einem erhöhten Kaffeeverbrauch eine erhöhte Frequenz an Toilettengänge nach sich zieht (siehe auch Abschnitt Klinik).

Klinik:

Die Klinik dieses Erkrankungsbildes ist recht eindeutig. Sehr oft werden eine vermehrte Pickelbildung im Gesicht und blasse, fast gräuliche Haut beobachtet. Blutunterlaufene Augen und dunkle Augenringe kann man ebenfalls bei der Mehrzahl der Prüflinge feststellen. Spontanes Einschlafen am Schreibtisch mit nachfolgenden Abdrücken und Klebezetteln an Stirn und Wange und strubbeligen Haaren deuten auf eine fortgeschrittene Lernzeit hin (Abb. 1). Wie schon im Abschnitt Pathogenese angesprochen, führen ein erhöhter Kaffeekonsum in Verbindung mit der kurz bevorstehenden Prüfung zu einer Erhöhung der Toilettengangsfrequenz. Gerade in WGs kann dies zu einem erhöhten Aggressionspotential führen, welches sich aus einer ständig verschlossenen Badezimmertür ergibt. Deshalb sollte im Vorfeld einer Prüfung ein vorbereitendes Gespräch mit den Mitbewohnern geführt werden. Nicht selten kommt es zu einem Lernbäuchlein aufgrund von vermehrter Nascherei. Kurz vor der Prüfung kann es dann zu einer umgekehrten Reaktion kommen, bei der sehr häufig Appetitlosigkeit in Verbindung mit Unwohlsein und Übelkeit beschrieben werden. Treten dann noch Symptome wie Mundtrockenheit, kaltschweißige Hände oder Schwindel hinzu, steht die Prüfung unmittelbar bevor. Ab diesem Zeitpunkt ist der Prüfling nur noch durch den Prüfer ansprechbar.

Diagnostik:

Die Diagnostik ergibt sich meist schon anhand der Klinik. Um sicherzugehen, sollte man aber auch den Terminkalender des Prüflings mit einbeziehen. Eine ausführliche Eigen- und Fremdanamnese in Verbindung mit einer Kaffeeverbrauchsmessung und Überprüfung der Toilettengangsfrequenz sichert dann die Diagnose.

Therapie:

Die wichtigste Therapie ist eine suffiziente Versorgung mit Lehrmaterialien. Schokolade, Schlaf und Kuscheleinheiten (insbesondere vom Partner) können die Symptome lindern. Ausgehen, frische Luft und Kontakt mit Freunden und Familie sorgen für Abwechslung und können zu einer gesteigerten Lernmotivation führen. Hierbei ist jedoch auf die genaue Dosierung zu achten, da es, insbesondere durch das Ausgehen, zu verminderten Lernleistungen kommen könnte. Zu guter Letzt ist ein ausreichender Vorrat an Kaffee empfehlenswert, da hiermit kurzeitige Müdigkeitszustände durchbrochen werden können. Trotz allem handelt es sich bei den oben genannten Therapievorschlägen nur um supportive Maßnahmen. Eine komplette Heilung kann nur durch ein erfolgreiches Bestehen der Prüfung erreicht werden.

Prognose:

Bei ausreichender Lernzeit und suffizienter Vorbereitung ist die Prognose gut. Meist liegen die Erfolgschancen bei über 90%, wobei dann Noten von eins bis drei möglich sind. In einzelnen Fällen kann auch eine vier das Ergebnis sein. Dies führt sicher nicht zur vollständigen Zufriedenheit des Prüflings, sichert aber das Bestehen und das Vorankommen im Studium.

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