Sonntag, 11. April

Der Famulant

Physikum ist geschafft

von Johanna Weiß

Das Physikum ist geschafft und es beginnt die aufregende Zeit der Klinik. Statt der Grundlagen lernt man nun Krankheiten und deren Therapie kennen. Aus dem Pflegepraktikum wird die Famulatur. In insgesamt vier Monaten kann man in den ärztlichen Alltag hineinschnuppern und lernt erste praktische Tätigkeiten.  Doch was kann man dann wirklich lernen?

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Bildunterschrift

An meine erste Famulatur kann ich mich noch gut erinnern. Da ich mich sehr für Magen-Darm-Erkrankungen interessierte, bewarb ich mich auf einer gastroenterologischen Station. An meinem ersten Tag meldete ich mich bei der Chefsekretärin. Sie ließ mich allerhand Papiere unterschreiben, gab mir einen Laufzettel und schickte mich durch das Haus. Nachdem ich diversen Leuten einen guten Tag gewünscht habe, kam ich endlich in der Kleiderkammer an.

„Achso, sie machen Famulatur. Dann müssen Sie ja Arztsachen kriegen.“ Ohne weitere Worte verschwand die Dame aus der Kleiderkammer in einem Nebenraum. Als sie wiederkam, hatte sie den Arm voller Hosen und Poloshirts. „Wir haben leider keine Sachen mehr in Ihrer Größe. Da müssen Sie erstmal das nehmen, was da ist.“ Ich zog mich um und versank in viel zu großen Klamotten. Die Hose konnte ich noch mit einem Gürtel fixieren. Das Poloshirt flatterte jedoch wie ein riesiges Nachthemd. Das fing ja super an.

Ich ging zu der Station, auf der ich eingeteilt war und meldete mich im Arztzimmer. Eine junge Ärztin begrüßte mich freundlich und zeigte mir, wo ich meine Sachen unterbringen konnte. Dann fragte sie gleich, ob ich schon Blut abnehmen könne. Normalerweise will sie das nicht nur den Studenten aufhalsen, aber heute ist sie ganz allein und weiß nicht, wie sie das alles machen soll. Ich hole mir aus dem Spritzenzimmer das Tablett mit den vorbereiteten Röhrchen und marschiere los. Die Station ist so riesig und verwinkelt, dass ich den Großteil der Zeit damit verbracht habe, die Patienten und ihre Zimmer zu finden.

Als ich endlich fertig war, hatte die Ärztin schon mit der Visite begonnen. Da sie allein war, musste sie nun über 40 Patienten abarbeiten. Ich traute mich gar nicht, Fragen zu stellen, weil ich merkte, welchen Stress sie hatte. Nach der Visite kamen dann die Neuaufnahmen des Tages dran. Auch hier fragte die Ärztin, ob ich helfen und einen Teil der Patienten abnehmen könnte. Also schnappte ich mir eine Akte und mein Stethoskop und legte los.

Ich stellte Frau Meyer alle möglichen Fragen zu ihren Beschwerden, ihren Vorerkrankungen, Medikamenten, die sie einnimmt und noch vielen anderen Dingen. Dann ging es an die körperliche Untersuchung. Nun musste ich überlegen. Im fünften Semester hatten wir einmal einen Untersuchungskurs, bei dem wir an uns gegenseitig übten. Hier war aber niemand, der mir über die Schulter schaute. Hat die Patientin jetzt ein Herzgeräusch? Ich hab sowas noch nie gehört. Und taste ich den Bauch jetzt richtig ab? Ich fühlte mich ganz schön allein. Niemand war in der Nähe, der mir helfen konnte. Ich notierte alles, was ich untersucht hatte und suchte die Ärztin auf. „Gott sei Dank, dass du da bist. Allein würde ich das alles gar nicht schaffen.“ Sie tat mir Leid. Eigentlich war sie völlig überfordert und wusste nicht, wo sie zuerst anfangen sollte. Ich hatte auch nicht das Gefühl, eine wirkliche Hilfe zu sein, weil ich gar nicht wusste, ob das alles richtig war, was ich da tat.

Über den gesamten Zeitraum änderte sich auch nicht viel. Ich nahm Blut ab, legte Flexülen, nahm Patienten auf und nahm wieder Blut ab. Von den Patienten wurde ich schon als Blutsauger bezeichnet.  Da Urlaubszeit war und auch noch einige Ärzte krank waren, kam es nur selten vor, dass mal zwei Ärzte die Station betreuten. Es hatte kaum jemand Zeit für mich, um mir etwas zu zeigen. So, wie es lief, hatte ich da auch Verständnis für. Doch Lernen konnte ich dort nicht allzu viel. Da es so viel zu tun gab, hatte ich auch kaum die Chance, zu irgendwelchen Untersuchungen mitzugehen. Als mein Praktikum vorüber war, dankte mir die Ärztin für meine Unterstützung und entschuldigte sich dafür, dass sie so wenig Zeit für mich hatte.

Meine zweite Famulatur absolvierte ich dann auf einer hämatologischen Intensivstation. Auch hier nahm ich wieder jeden Tag Blut ab. Ansonsten lief jedoch einiges anders. Zwei Ärzte betreuten hier nur 14 Patienten. Das ist natürlich auch notwendig, denn die Betreuung dieser Patienten ist wesentlich aufwändiger als auf einer Normalstation. Während der Visite nimmt man sich für jeden Patienten wesentlich mehr Zeit. Ich konnte alle möglichen Fragen stellen und bekam sie auch alle beantwortet. War bei einem Patienten ein pathologisches Herzgeräusch zu hören, durfte ich immer mithören, damit ich weiß, wie das klingt. Ich assistierte bei mehreren ZVK-Anlagen und Knochenmarkspunktionen und bekam sehr viel zu sehen. Zum Ende des Praktikums durfte ich dann sogar selbst eine Knochenmarkspunktion durchführen.

Die Qualität eines Praktikums hängt oft davon ab, auf welcher Station man landet. Wichtig ist natürlich immer, dass man viel Eigeninitiative zeigt, nachfragt und sich dahinterklemmt, wenn man etwas gezeigt bekommen möchte. Trotzdem ist man auch immer von der Zeit des betreuenden Arztes abhängig. Läuft es so, wie bei meinem ersten Praktikum, nützt aller Eifer nicht viel. Aber woher weiß man, ob eine Station gut ist oder nicht?

Es gibt einige Internetplattformen, wie z.B. „famulaturranking.de“ oder „medi-learn.de“, auf denen Studenten von ihren Erfahrungen in den verschiedenen Krankenhäusern berichten. Hier kann man sich darüber informieren, welche Herausforderungen einen erwarten und welche Qualität die praktische Ausbildung hat. Ist man nur mit Blut abnehmen beschäftigt oder werden auch andere praktische Fertigkeiten vermittelt? Und wo sollte ich mich am besten bewerben? Das alles erfährt man auf diesen Seiten. Man sollte sich jedoch rechtzeitig informieren und bewerben, denn die besten Plätze sind natürlich immer schnell besetzt.

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