Dienstag, 8. Juni

Er kämpft gegen Ebola

Arzt ohne Grenzen

von Natascha Plankermann

Abenteuerlust und Idealismus brachten den Internisten Dr. Maximilian Gertler zur Organisation „Ärzte ohne Grenzen“. Er ist gerade aus Westafrika zurückgekehrt – vom Einsatz gegen das gefährliche Ebola-Virus.

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Maximilian Gertler, Ärzte ohne Grenzen

Nichts wie ab nach Afrika – dieses Ziel stand für Maximilian Gertler schon fest, als er zu studieren anfing. „Klar wollte ich die Welt verändern“, sagt der 40-Jährige rückblickend. Damals hat er mit Sicherheit noch nicht daran gedacht, wie gefährlich sein aktueller Einsatz sein würde: Just kehrte Gertler aus Westafrika zurück, wo er im Ebola-Einsatz war. Er erzählt: „Wenn jemand müde wird, wechseln wir ihn sofort aus“. Flüchtigkeitsfehler können sich die Mitarbeiter von „Ärzte ohne Grenzen“ im Umgang mit dem gefährlichen Virus nicht leisten. 700 von ihnen arbeiten in Westafrika oftmals in großer Hitze unter mehrfacher Schutzkleidung.

Gertler hat schon seine Ausbildung breit gefächert gewählt, damit er im Ausland schnell etwas bewirken konnte: Er wurde Internist und Notarzt, arbeitete auch in der Chirurgie und ging schon als angehender Mediziner in ein Krankenhaus in Botswana. „Das war im Jahr 2001, als es dort noch keine richtige HIV-Therapie gab“, erinnert sich Gertler. Entsprechend überwältigt fühlte er sich von der schrecklichen Not, die er antraf: „Ich wollte helfen und erfuhr zugleich die Unmittelbarkeit des Lebens – ohne viel Bürokratie dazwischen. So schrecklich die Krankheitsbilder waren, so klar war auch, was zu tun war. Auch wenn man manchmal improvisieren muss, nicht immer das passende Werkzeug hat und sich mal von Annehmlichkeiten wie gutem Essen, Kino oder sogar einem eigenen Zimmer verabschieden muss.“ Weil er aber gerade das wollte, ging er zu „Ärzte ohne Grenzen“. Die ursprünglich französische Organisation „Médécins sans frontières“, die sich fast ausschließlich aus privaten Spenden finanziert, hat seit 20 Jahren eine deutsche Abteilung, deren Mitarbeiter einspringen, wenn Krisen oder Naturkatastrophen ein Land ins Chaos stürzen und Flüchtlinge in Lagern verzweifeln.

Patienten behandeln, Kontaktpersonen informieren

Der letzte Einsatz 2013 im Tschad: Zehntausende waren vor Gewaltausbrüchen im Sudan dorthin geflohen. Maximilian Gertler behandelt ein verletztes Kind. Foto: Ärzte ohne Grenzen

Jetzt gehört „Ärzte ohne Grenzen“ nach eigenen Worten zu den wenigen Organisationen, die gegen die Ebola-Epidemie ankämpfen. Neben der direkten Hilfe für die erkrankten Patienten, wird versucht, deren Kontaktpersonen ausfindig zu machen. Dies ist wichtig, um zu überprüfen, ob sie sich womöglich angesteckt haben und so das Virus weitertragen. Genauso entscheidend ist es, die Menschen über die Krankheit und Ansteckungswege zu informieren.

Anders sah es bei einem der letzten Einsätze von Max Gertler 2013 im Tschad aus, wohin Zehntausende vor erneuten Gewaltausbrüchen im Sudan geflohen waren. „Wir haben ein kleines Krankenhaus in einer abgelegenen Region an der sudanesischen Grenze aufgebaut, die kaum erreichbar war, weil die Straßen durch die Regenzeit überflutet und durch den Konflikt unsicher wurden. Dort kamen Menschen mit Schussverletzungen zu uns, die wir versorgten, bevor sie ausgeflogen und in chirurgischen Zentren im Inland weiter behandelt wurden.“ Basis-Gesundheitsversorgung nennt sich das. Manchmal steht dafür ein lokales Zentrum zur Verfügung, zuweilen aber auch nur ein Zelt oder der Schatten eines Mangobaums. „Malaria, Lungenentzündungen oder Durchfallerkrankungen sehen wir bei den Patienten außerdem besonders häufig. Viele Kinder sind unterernährt“, beschreibt Gertler die Situation, die er und seine Kollegen immer wieder vorfinden. Vor allem Ärzte mit breiter Arbeitserfahrung sowie Fachärzte wie Anästhesisten, Gynäkologen und Chirurgen werden bei solchen Einsätzen gebraucht –, die es gewohnt sind, eigenverantwortlich zu arbeiten und einheimische Kollegen an ihrem Wissen teilhaben lassen.

Seine Abenteuerlust brachte Maximilian Gertler zu „Ärzte ohne Grenzen“, wo er unmittelbare Hilfe in der Not leistet. Foto: Ärzte ohne Grenzen.
Gertler hat schon seine Ausbildung breit gefächert gewählt, damit er im Ausland schnell etwas bewirken konnte: Er wurde Internist und Notarzt, arbeitete auch in der Chirurgie und ging schon als angehender Mediziner in ein Krankenhaus in Botswana.

Im Krisenfall kommt eine Mail

Wer das in Gebieten tun möchte, in der wie jetzt in Afrika die Not groß ist, bewirbt sich zunächst beim Berliner Büro von „Ärzte ohne Grenzen“ und kommt in einen Pool von Medizinern, die im Krisenfall eine Mail bekommen. Dann gilt es, eine Praxisvertretung zu finden oder unbezahlten Urlaub in der Klinik zu nehmen: Sechs bis neun Monate dauert ein Einsatz in der Regel, nur Chirurgen und Anästhesisten reisen schon mal für sechs Wochen an einen in aller Eile aufgebauten OP-Tisch. Gesucht werden nicht nur Ärzte, sondern auch Schwestern und Hebammen, Logistiker wie Kaufleute oder Ingenieure, die gemeinsam mit Einheimischen provisorische Krankenlager aufbauen. „Sie unterstützen das medizinische Team, das operiert oder Kinder zur Welt bringt. Und sorgen nicht nur für die Unterkünfte, sondern auch für unsere Sicherheit, Lebensmittel, Fahrzeuge und überhaupt dafür, dass die medizinische Arbeit überhaupt möglich ist “, erzählt der Arzt, der nicht nur im Vorstand von „Ärzte ohne Grenzen“ aktiv ist, sondern hauptberuflich am Robert-Koch-Institut für die Kontrolle von Epidemien arbeitet.

Mehrstündige Bewerbungsgespräche über die Motivation

Gertler und seine Kollegen, die ehrenamtlich für „Ärzte ohne Grenzen“ arbeiten, haben alle ein mehrstündiges Bewerbungsgespräch geführt, in dem sie unter anderem ausführlich nach ihrer Motivation und der psychischen Belastbarkeit gefragt wurden. Es folgte ein tropenmedizinischer Gesundheitscheck und ein einwöchiger Vorbereitungskurs: „Da lernt man auch, mit einem Funkgerät und einem Satellitentelefon umzugehen. Ebenso ist es wichtig, möglichst viel über das Verhalten in Ländern zu wissen, in denen Entführungen drohen. Dazu gehört auch der respektvolle Umgang mit lokalen Autoritäten“, erzählt der Internist. Das Alter spiele keine Rolle, es komme auf die humanitäre Begeisterung und eine professionelle Ausbildung an. Manche Mitarbeiter steigen später sogar in eine hauptberufliche Laufbahn bei „Ärzte ohne Grenzen“ ein. Diese sollte möglichst nicht durch die Aussicht getrübt werden, dass man sich immer wieder an Ausgangssperren halten muss und über lange Zeit immer wieder das Gleiche aufgetischt bekommt: „Couscous mit Dosentomaten“, beschreibt Maximilian Gertler eine typische Mahlzeit in den improvisierten Krankenhäusern von „Ärzte ohne Grenzen“. Statt Dusche und WC gebe es dort immer mal wieder nur einen Eimer Wasser und eine Latrine.

Erfolgserlebnisse in improvisierten Krankenhäusern

Was treibt einen Mediziner an, über Monate ein solches Leben zu führen, das viele Gefahren birgt und für das es nur eine Aufwandsentschädigung gibt? „Die Erlebnisse, die, die man bei der Hilfe vor Ort im Tschad oder Zimbabwe hat, sind unbeschreiblich und für Geld nicht zu kaufen.“, erklärt Maximilian Gertler lapidar. Dahinter steht viel Erfüllendes. Zum Beispiel die Beobachtung, dass ausgehungerte und von Atemnot geplagte Kinder nach ein paar Tagen wieder zu Fuß aus dem Krankenhaus hinaus in die Steppe gehen können. Und das gute Gefühl, Frauen, die sich in den Wehen über Tage hinweg zum Arzt geschleppt haben, eine schmerzarme, hygienisch einwandfreie und sichere Geburt zu ermöglichen. Gertler, inzwischen zweifacher Vater, sagt: „Natürlich sind das überwältigende Leid, die Kriege und die ungerechte Armut oft auch frustrierend. Schrecklich, wenn die richtigen Medikamente für Armutserkrankungen wie zum die Schlafkrankheit fehlen. Oder wenn Kinder sterben, weil sie nicht früher kommen konnten.“ Doch er weiß: Die Erfolgserlebnisse überwiegen. Und viele Ärzte, die einmal grenzenlos unterwegs waren, tun das immer wieder – auch wenn sie ihre Familien dann oft monatelang nicht sehen.

Mehr Informationen über die Mitarbeit bei „Ärzte ohne Grenzen“ und die Bedingungen, die dafür erfüllt werden müssen, gibt es unter www.aerzte-ohne-grenzen.de . Dort werden Spenden gesammelt, um den leidenden Menschen zu helfen. Ein Film darüber, wie Dr. Max Gertler im Kampf gegen Ebola die eigene Angst überwand, findet sich unter http://www.aerzte-ohne-grenzen.de/article/ebola-man-muss-die-eigene-angst-ueberwinden-video?pc=na&pk=2014-08-artikel-video-ebola&utm_source=na&utm_medium=ml&utm_content=01art&utm_campaign=1408na

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