Freitag, 3. September

Gute Kommunikation mit Patienten

Vertrauen aufbauen - Ängste abbauen

Text und Interview von Gabriele Brähler

Ein Mensch ist mehr als „die Hüfte aus Zimmer 5“. Die Sprache entscheidet wesentlich darüber, ob ein Patient Vertrauen zu einem Arzt aufbaut, ob er sich akzeptiert fühlt und aktiv zum Therapieerfolg beiträgt.

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Ohne die Mitarbeit des Patienten erfolgt keine Genesung von Krankheiten oder Linderung von Beschwerden. Deshalb ist die so genannte Compliance so wichtig. Ein Patient muss verstehen, was in einer Behandlung passiert oder warum er vielleicht lieb gewonnene, aber ungesunde Lebensgewohnheiten ablegen soll.

Worte können Brücken zwischen Menschen schlagen, Verständnis und Kooperationsbereitschaft bewirken – und sie können auf der anderen Seite Barrieren aufbauen, Ängste schüren oder Abwehr auslösen.

„Der Erfolg einer Therapie hängt ganz entscheidend davon ab, dass der Patient akzeptiert, warum er beispielsweise regelmäßig Sport treiben sollte“, erläutert Dr. Dirk Schröder, Chefarzt Psychosomatik in der Dr. Becker Brunnen-Klinik in Horn Bad-Meinberg. „Hier ist der Mediziner gefragt, Diagnosen, Verfahren oder auch Konsequenzen so zu erklären, dass der Patient ihm folgen kann.“

Bewegung ist ein wichtiger Baustein für Gesundheit – Patienten, die dies verstehen, werden regelmäßig aktiv.

Patienten als ganzen Menschen wahrnehmen

Sprache verrät viel über das Verhältnis der Menschen miteinander. Wer im hektischen Klinikalltag von der „Hüfte oder dem Knie aus Zimmer 5“ oder dem „Blinddarm auf Station 2“ spricht, sieht den Einzelnen nur noch als Fall.

„Jedem jungen Arzt rate ich, den Patienten immer als ganze Person wahrzunehmen und sich ab und zu einmal in die Rolle des Gegenübers hinein zu versetzen“, empfiehlt Dr. Schröder. „Wie fühlt sich jemand bei der Behandlung oder dann, wenn die Diagnose eröffnet wird. Diese kleine Übung in Sachen Empathie trägt zu einer menschlichen Medizin bei.“

Dr. Dirk Schröder: „Jeder einzelne Mediziner ist gefragt, Diagnosen und Verfahren so zu erklären, dass der Patient ihm folgen kann.“

Ein gutes Verhältnis zwischen Arzt und Patient ist von zentraler Bedeutung für den Erfolg einer ärztlichen Maßnahme, dies lernt jeder Mediziner an der Uni. Der Patient hat Schmerzen und Angst und vertraut sich und seinen Körper einem oft unbekannten Menschen an, der ihm helfen soll. „Das Gefühl von Respekt ist ein wichtiger Faktor, um Vertrauen aufzubauen“, so Chefarzt Dr. Schröder. „Dazu gehört auch, dass ein Mediziner nicht so tut, als wäre ein Patient nicht anwesend und mal eben über seinen Kopf hinweg bei der Visite eine notwendige Beinamputation mit Kollegen bespricht. Speziell in der Rehabilitationsmedizin kommt der Kommunikation zwischen Patient sowie Arzt und Therapeuten oft verschiedener Disziplinen übrigens eine besonders wichtige Rolle zu. Hier gilt es, im Gespräch zu motivieren und die Eigenverantwortung des Patienten zu entwickeln und zu stärken.“

Angst vor dem Neuen

Der Patient hat ein Recht darauf, umfassend über seine Diagnose und seine Behandlung informiert zu werden. Dies wurde erst Ende 2012 mit dem Patientenrechtegesetz vom Bundestag verabschiedet. „Dieses Recht wird erst dann eingelöst, wenn der Patient versteht, was man ihm sagt“, betont Dr. Schröder.

Was für den Mediziner mit jahrelanger Erfahrung in der Regel Routine ist, ist für Patienten übrigens oft das erste Mal – die erste Operation, die erste Computertomographie, der erste Bandscheibenvorfall. Und alles, was ein Mensch nicht kennt, macht per se erst einmal Angst. Hier sind ruhige und ausführliche Erklärungen notwendig, damit sich ein Patient im Gespräch mit der ungewohnten Situation vertraut machen und auch eine Diagnose besser „verdauen“ kann.

Fachjargon baut Hürden auf

„Abdominelle Beschwerden“ hören sich schwerwiegender an als „Bauchschmerzen“, „Cephalgien“ gewaltiger als „Kopfschmerzen“. Auf eine Frage wie „Leiden Sie unter Irritationen des visuellen Systems“ werden die meisten Menschen wohl ratlos schauen, die Frage nach möglichen Sehstörungen aber schnell beantworten können. „Medizinisches Fachchinesisch bringt oft die Phantasie des Patienten auf Trab und er meint, etwas Schlimmes zu haben“, weiß Dr. Schröder.

Dass der Patient kein Fachkollege ist, ist jedem Mediziner rational wohl klar, die geläufigen Fachbegriffe kommen aber vielen fast automatisch von den Lippen. Eine einfache Sprache mit Patienten sprechen – dies will von Anfang an in der medizinischen Praxis geübt und täglich praktiziert werden.

Zusammenhänge aufzeigen

Wie funktioniert das Zusammenspiel von Organen oder wie wirken Medikamente im Organismus? Wenn komplexe physiologische Prozesse vermittelt werden sollen, reicht es manchmal nicht aus, einzelne Fachbegriffe in Wörter der deutschen Sprache zu übersetzen.

„Patienten müssen sprachlich abgeholt und Zusammenhänge vereinfacht werden“, weiß Ernährungsexpertin Elisabeth Fleck aus Berlin. „Einem übergewichtigen Patienten zu sagen, was er tun oder lassen soll, reicht nicht aus, um langfristig Verhaltensänderungen zu bewirken. Ich verpacke meine Informationen gerne in verständliche Bilder. Dass wir unter anderem eine Vielzahl von Vitaminen, Eiweißen und Vitalstoffen benötigen, erkläre ich damit, dass der menschliche Körper rund 70 Billionen spezialisierte Körperzellen besitzt, die alle unterschiedliche Aufgaben zu erfüllen haben und dafür ihren ganz individuellen Energiemix benötigen. Hochleistungszellen wie die Darmzellen, die sich alle fünf Tage komplett erneuern, brauchen eine gesunde Kost und nicht täglich eine doppelte Portion Pommes rot-weiß oder eine Tiefkühl-Pizza. Die Bilder kommen bei meinen Gesprächspartnern immer gut an.“

Patienten sprachlich „abholen“ und Zusammenhänge vereinfachen – patientenorientierte Sprache geht auf den einzelnen Menschen individuell ein.

Übersetzung von Befunden

Gut informierte Patienten engagieren sich motivierter für ihre Gesundheit als uninformierte. Einem besseren Verständnis zwischen Medizinern und Patienten hat sich im Internet das Portal www.washabich.de verschrieben. Hier können Patienten ärztliche Befunde einsenden, die von Medizinstudenten kostenlos in eine leicht verständliche Sprache übersetzt werden.

„Man bekommt als Arzt kaum Feedback von Patienten, wenn etwas nicht gut erklärt wurde. Viele trauen sich nicht nachzuhaken. Der Mediziner sollte also von sich aus aktiv nachfragen, ob der Patient alles verstanden hat und was er Zuhause seiner Ehefrau über das besprochene Thema sagen würde. Dies hilft dem Behandler, ein genaueres Bild über die Verständlichkeit seiner eigenen Sprache zu erhalten. Und wer sich als Arzt oder Ärztin intensiver mit dem Thema laienverständliche Sprache beschäftigen möchte ist natürlich auch bei ‚Was hab’ ich?‘ gut aufgehoben – hier lernen Mediziner an konkreten Beispielen, medizinische Sachverhalte leicht verständlich zu erklären“, erläutert Anja Bittner, Ärztin und Geschäftsführerin von www.washabich.de.

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