Samstag, 4. September

Kind und Kittel

Frauen und Karriere

von Yavi Bartula

Eine Frage stellen sich viele junge Frauen schon vor ihrem Medizinstudium: Sind Kind und Kittel unvereinbar? Wir sagen, warum diese Unsicherheit bei der Zukunftsplanung nicht im Weg stehen sollte. Wir gaben diese Frage nämlich an eine Frau weiter, die es wissen muss: Dr. Judith H, eine Ärztin, die Beruf und Baby problemlos zu vereinbaren weiß. Sie erzählte uns, wie sie an die eigene Familienplanung herangegangen ist und wie sie diese dann umgesetzt hat. Und wie auch ihre ehemaligen Kommilitonen, die sich teilweise niedergelassen oder auch auf Reha-Medizin spezialisiert haben, mit gutem Beispiel folgten oder voranschritten.

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Benjamin Thorn / pixelio.de

Aber auch Profi Judith H. kennt diese Zweifel und beschäftigte sich lange mit der Frage, ob sie es wohl schaffen würde, Mutter und Medizinerin zu sein. Dass aber nicht nur potentielle Mütter bezüglich der privaten Zukunft unsicher sind, sondern auch Männer, zeigt eine aktuelle, bundesweit durchgeführte Befragung (vgl. Dt. Ärztbl. Int. 2012_109_18_327-32). Sie ergab, dass jungen Medizinern der Gedanke an die eigene Familienplanung durchaus Kopfzerbrechen bereitet. Sie kennen bereits die hohe Arbeitsbelastung, die oft langen Arbeitszeiten und hinderlichen Schichten und haben die mitunter schlechte Vereinbarkeit von Familie und Beruf schon bei älteren Kollegen beobachtet.

Doch all diese Negativerfahrungen sollten auf die Familienplanung keinen Einfluss nehmen, wenn man Dr. Judith H. Glauben schenkt. Sie ist selbst noch jung und trotz Beruf bereits Mutter von einem Kleinkind. Es zeigte ihr: “ Ja – Kind und Kittel sind absolut vereinbar!“ Sie betont aber auch, dass jedes Paar die eigenen Möglichkeiten ausloten und alternative Betreungsmethoden diskutieren muss. Zum Beispiel: Wird eine gute Kinderbetreuung in der Umgebung angeboten? In welcher Form findet man Unterstützung durch den Arbeitgeber? Und vor allem: Kann ich mich bei allem auf meinen Partner verlassen und mit ihm im Team arbeiten?

Letzteres war für Dr. Judith H. ein bedeutender Faktor, der sie bei den Überlegungen bestärkt hat und auch die Familienplanung letztlich reibungslos verlaufen ließ. Nach ihrem Medizin-Grundstudium und dem Studium der Archäologie widmete sie sich der Archäomedizin und bekam dann eine Festanstellung an einer der begehrtesten Uni-Kliniken Deutschlands angeboten. Zu dieser Zeit war sie mit ihrem Partner, der sich in der IT-Branche selbständig gemacht hatte, sehr glücklich. Beide genossen, ihre langjährig angeeigneten Wissensfundusse anzuwenden und sich fortzubilden, arbeiteten extrem viel, Tages- und Nachtzeiten erschienen beiden absolut überbewertet. „Zu lange hatte ich auf diesen Moment hingearbeitet: Endlich konnte ich mich einbringen“, erklärt Dr. Judith H.

Und plötzlich kündigte sich eine Tochter an. Was nun? Beide Vollzeit beschäftigt, auf der Karriereleiter bereits einige Sprossen emporgestiegen. Aber ihr Mann profitierte in dem Moment von seiner Selbstständigkeit: Er war völlig unabhängig von Zeit und Raum. Nicht selten machte er die Nacht zum Tag und ging ins Bett, wenn Dr. Judith H. zur Uni fuhr. Und dennoch fragten sich beide, ob sie für eine solch gravierende Lebensumstellung bereit waren.

Doch da fackelten sie gar nicht lange und machten sich einfach bereit! Nach langem Suchen fanden sie nach eigener Aussage die „beste Nanny der Welt“, die sich der Kleinen annahm, wie ihrer eigenen Tochter. Außerdem war der Uni-Klinik eine Kita angegliedert, sodass ihr Kind jederzeit versorgt war. Und auch Dr. Judith H. zog eine Konsequenz und nahm für die ersten drei Jahre das Angebot einer Halbtagsstelle mit flexibler Arbeitszeit an. So konnte sie trotz ihrer Klinik-Liebe jederzeit für ihr Kind da sein.

Und heute? „Mein Mann und ich leben fast unverändert weiter. Er geht in seiner IT-Welt völlig auf und ich liebe die Archäomedizin.“ Sie entwickelten einen festen Rhythmus, dessen Funktionalität sich in der tollen Entwicklung ihrer Tochter zeigt. Und dieser Rhythmus fußt auf drei Säulen: Der Kita, der Nanny und der Partnerschaft. Ähnliche Konstrukte gibt es auch bei ihren ehemaligen Kommilitonen, die sich als Ärzte niedergelassen haben und ihre eigenen Praxen. Ihre beste Freundin zum Beispiel ging an eine Rehaklinik an die Küste und bringt drei Söhne, den Mann und einen Hund wunderbar in ihren Alltag ein. Und es sei nur eines der vielen positiven Beispiele, betont Dr. Judith H.

Wir sehen: Kind und Kittel müssen also nicht zwangsläufig in Kontradiktion stehen. Wichtig ist die Bereitschaft, der Wille, sich intensiv mit der neuen Situation auseinanderzusetzen. Ein Plan B ist immer da, man muss ihn nur sehen.

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