Dienstag, 8. Juni

Mediziner im Dauerstress

Stress lass nach

Text und Interview von Gabriele Brähler

Gerade für junge Mediziner lauern zahlreiche Stressfallen im Klinikalltag. Wer gesund und leistungsfähig bleiben möchte, sollte erste Symptome ernst nehmen und rechtzeitig gegensteuern.

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Die Erwartungen an Mediziner im Klinikalltag sind hoch. „Speziell junge Ärzte haben heute früh eine hohe Verantwortung zu tragen“, betont Dr. Christiane Ihlow, Chefärztin der psychosomatischen Abteilung der Dr. Becker Klinik Möhnesee. „Nach dem alten Ausbildungssystem hatten junge Mediziner nach dem Studium als Ärzte im Praktikum mehr Zeit, sich mit den Aufgaben vertraut zu machen. Heute müssen sie als Assistenzärzte teilweise sofort Kollegen vertreten. Hier werden dann Fachkenntnisse vorausgesetzt, die aufgrund der mangelnden Erfahrung gar nicht vorhanden sein können. Auch Personalengpässe, Nachtdienste und oft auch hohe Erwartungen an die eigene und noch ungewohnte Rolle als Arzt setzen junge Mediziner unter Druck.“

Individuelle Belastungsgrenze erkennen

Jeder Mensch reagiert bei Stress anders, auch die Belastungsgrenzen sind individuell unterschiedlich. „Mancher kann jahrelang unter Hochdruck arbeiten und gesund bleiben, ein anderer merkt schon nach wenigen Monaten konzentrierter Höchstspannung, dass seine Leistungsfähigkeit sinkt“, erklärt Dr. Ihlow.

Der Körper sendet Signale, wenn es ihm zu viel wird. Mit gesteigertem Cortisol- und Adrenalin-Ausstoß in Stresssituationen kommt es zu Verspannungen im Nacken, Rücken- und Kopfschmerzen, Schlafstörungen und Konzentrationsstörungen. Wer diese ersten Warnsignale des Körpers überhört und einfach weitermacht wie bisher, wird vielleicht erst aufmerksam, wenn der Magen Probleme macht, der Blutdruck in die Höhe schießt und lang anhaltende Erschöpfung den Körper lähmt.

In ihrer Abteilung bietet Frau Dr. Ihlow unter anderem ein besonderes Therapieprogramm für Ärzte, Psychologen und Berufstätige aus anderen sozialen Berufen an. In dem vier- bis sechswöchigen Aufenthalt geht es zunächst einmal darum, aus dem gewohnten Trott auszusteigen und zur Ruhe zu kommen. „Das fällt vielen anfangs schwer“, so Dr. Ihlow. „In unserer Klinik lernen unsere Patienten ihr individuelles Energiekonto wieder auszubalancieren. Manch einer weiß gar nicht, wie er sich am besten entspannen kann.“

Kraftquellen finden und auftanken

Was gibt mir neue Kraft? Wie komme ich einmal auf ganz andere Inhalte oder steige ganz aus dem endlosen Gedankenkreisen des Gehirns aus? „Ob Triathlon, Rad fahren, Yoga, Malen oder Musizieren – es gilt, im Alltag bewusst und regelmäßig Pausen für die individuelle Form der Entspannung einzubauen“, so die Chefärztin. „Dafür muss ich aber erst einmal wissen, wie ich am besten runterfahre und wobei ich mich am wohlsten fühle.“

Ein wichtiger Therapiebaustein im Setting der Klinik Möhnesee sei Achtsamkeit, erläutert Dr. Ihlow. „Wir zeigen unseren Patienten mit Hilfe dieser Übungen, sich gedanklich wieder ins Hier und Jetzt zu begeben, nicht zu weit von sich selbst abzuschweifen. Im Alltag hilft es beispielsweise oft schon, die Mittagspause nicht mit Fachgesprächen im Kollegenkreis zu verbringen, sondern sich einfach ein paar Minuten Ruhe bei einem Spaziergang mit einer Achtsamkeitsübung an der frischen Luft zu gönnen.“

Mit Entspannungstechniken Stress reduzieren

Stressgeplagte lernen in der Klinik Techniken zur Entspannung. Das Herzratenvariabilitäts-Feedback visualisiert zum Beispiel als computergestütztes Verfahren den Grad der Entspannung am PC, in dem er die gemessenen Daten in das Bild eines Schmetterlings übersetzt. Flattert dieser nervös am unteren Bildschirmrand, bedeutet das eine niedrige Herzratenvariabilität, die z. B. durch eine unentspannte Grundstimmung gekennzeichnet sein kann. Fliegt der Schmetterling mit gleichmäßigen Flügelschlägen nach oben, zeigt dies, dass die Atmung aktuell eine relativ große Änderung der Herzfrequenz hervorruft, Herzschlag und Atmung im Einklang sind und der Patient entspannt ist.

Bei Gefallen dieser Therapieform, die gerade von jungen medienaffinen Patienten gerne genutzt wird, kann ein solcher Stress-Pilot mit dem passenden Ohrclip auch für Zuhause eine lohnenswerte Investition darstellen.

In der progressiven Muskelentspannung nach Jacobson (PMR) geht es um eine Art innere Reise durch den Körper, bei der einzelne Muskelgruppen zuerst aktiv angespannt und dann entspannt werden. „Der Betroffene konzentriert sich bewusst auf seine Empfindungen in den verschiedenen Phasen und verbessert seine Körperwahrnehmung“, erläutert Dr. Ihlow. „Dadurch wird mit ein wenig Übung viel schneller Anspannung wahrgenommen und kann dadurch bewusst direkt in der stressigen Situation aufgelöst werden.“

Unser Atem ist ein äußerst hilfreicher Begleiter, wenn wir dem endlosen Strom unserer Gedanken entfliehen möchten. „Es wirkt schon wahre Wunder, wenn man sich bei hoher Belastung einfach einmal ein paar Minuten zurückzieht, sich in der Klinik zum Beispiel auf eine Liege legt, bewusst tief atmet und die Gedanken einfach weiterziehen lässt“, rät Dr. Ihlow. „Oft sind es ganz kleine Übungen, die dem Stress seine Kraft nehmen und uns helfen, wieder in unserer Mitte anzukommen.“

Manchmal sind Veränderungen eine gute Lösung

Love it, change it or leave it – ist ein beliebtes Motto in der Klinik. Es lohnt sich, seinen Alltag einmal genau zu betrachten. Wer seine Arbeitsabläufe und auch sein Privatleben durchleuchtet, kann entscheiden, wo er in gewachsenen Strukturen bleiben möchte, wo es etwas zu verändern gilt oder wo es manchmal auch sinnvoll sein kann, ganz auszusteigen und sich nach Alternativen umzusehen. Auch dadurch lassen sich Stressfaktoren aus dem Leben verbannen.

„Konkrete Hilfsangebote sehen und nutzen“, so lautet eine Empfehlung der Chefärztin an ihre Patienten. In vielen größeren Kliniken gibt es beispielsweise Balintgruppen. In diesen Selbsthilfegruppen tauschen sich junge Ärzte unter Leitung eines erfahrenen Kollegen über ihre ersten beruflichen Erfahrungen aus. „Es ist sehr hilfreich zu erfahren, wie es anderen in ähnlichen Stresssituationen geht und welche Lösungen sie für sich finden“, weiß Dr. Ihlow. „Es ist wichtig, dass gestresste Ärzte merken, dass sie nicht allein sind. In vielen Häusern wird auch Supervision angeboten. Auch diese Reflexion eigener Themen mit einem fachlich geschulten Begleiter ist gut geeignet, wenn Lösungen gesucht werden.“

Am besten bei ersten Symptomen gegensteuern

Gehen Männer und Frauen unterschiedlich mit Stress um? „Frauen haben oft weniger Scheu, sich zu ihrem Stress zu bekennen als Männer“, so die Bilanz der Chefärztin. „Wer früh aktiv wird und etwas verändert, kann dem Stress natürlich viel wirkungsvoller und effektiver begegnen. Wenn ich warte, bis mein Körper später die Reißleine zieht, können bereits ein ernstes Krankheitsbild wie Burnout oder Depression vorliegen.“

Wer mehr über die Angebot der Klinik Möhnesee erfahren möchte, findet Informationen auf der Website unter: www.dbkg.de/klinik_moehnesee. Bei Interesse an einem Aufenthalt helfen das Aufnahmesekretariat der Klinik oder die Krankenkassen weiter. Gegebenenfalls muss ein Antrag bei der Rentenversicherung gestellt werden.

Stress | Mediziner im Dauerstress | Burnout | Belastbarkeit

Wer sich theoretisch mit dem Thema beschäftigen möchte, hier ein Buchtipp mit hilfreichen Tipps: „Burnout bei Ärzten: Arztsein zwischen Lebensaufgabe und Lebens-Aufgabe“ von Thomas M. H. Bergner, Schattauer GmbH