Donnerstag, 25. November

Selbst unsicher

Junge Mediziner unter Druck

von Gabriele Brähler

Die eigene Rolle als Mediziner definieren – nicht leicht für einen Berufseinsteiger, der noch viel zu lernen hat. Dr. Rainer Schubmann gibt Tipps, wie junge Ärztinnen und Ärzte gut für sich sorgen können, um mit ganz Kraft für ihre Patienten da zu sein.

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Wer als junger Mediziner seine erste Stelle antritt, sieht sich im Klinikalltag zahlreichen neuen Aufgaben gegenüber. Jeden Tag gibt es fachlich viel zu lernen und auch der Umgang mit Patienten fällt vielleicht nicht immer leicht. So mancher Berufseinsteiger möchte einerseits in seiner Rolle als Arzt selbstbewusst auftreten und fühlt sich auf der anderen Seite aufgrund fehlender Erfahrungen unsicher. Ein Konflikt, der für Stress sorgen kann. Eine mögliche Lösung: Ein realistisches Selbstbild zu entwerfen, das im Alltag Sicherheit gibt. Aber was ist das eigentlich – das Selbstverständnis eines Arztes?

Begleiter und Berater des Patienten

War er von Beginn seiner Laufbahn sicher, wie er als Arzt auftreten wollte?  „Mein Selbstbewusstsein als Arzt hat sich über die Dauer von 30 Jahren Berufserfahrung herausgebildet“, erläutert er. „Anfangs hatte ich jährlich oder zumindest alle vier Jahre einen neuen Arbeitsplatz. Das war anstrengend, aber ich habe dabei extrem viel gelernt. Das hat mir große Sicherheit gegeben und meine eigenen Vorstellungen, was ich wollte, geschärft. Sich immer wieder neuen Aufgaben stellen, das ist einer meiner Tipps an junge Kollegen, die zügig ihren eigenen Weg finden wollen. “

Vier-Augen-Gespräche

Woran erkenne ich eine Wenkebach-Periodik oder einen Sensing-Defekt eines Schrittmachers – Fragen, die ein junger Arzt in der Kardiologie vielleicht aus dem Lehrbuch kennt, aber nicht aus der Praxis. Wer weiß, dass er etwas nicht weiß, kann erfahrene Kollegen ansprechen. In der Klinik Möhnesee und den anderen Dr. Becker Kliniken legt man großen Wert auf konstruktive Kommunikation. Hier können interessierte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter an speziellen Schulungen und Fortbildungen teilnehmen. Aber nicht in jeder Klinik steht der Austausch an erster Stelle. So mancher Neuling schweigt lieber, wenn er sich mit reger Phantasie den eigenen Chef ausmalt, wie der über den Rand seiner Brille hinweg mit kaltem Blick und strengen Worten tadelt: „Das sollten Sie aber wissen, Herr Kollege.“

„Aus Angst lieber zu schweigen und unwissend handeln kann in der ärztlichen Praxis fatal sein“, weiß Dr. Schubmann. „Mein Rat – in einem Vier- oder Sechs-Augen-Gespräch nachzufragen, wenn etwas unklar ist. Jeder junge Arzt hat das Recht auf fachliche Unterstützung. Diese sollte man auch selbstbewusst einfordern und sich nicht durch ein eventuell unkommunikatives Stationsklima einschüchtern lassen. Solch ein Gespräch sollte allerdings nicht vor einem großen Kreis von Kollegen und auch nicht vor Patienten geführt werden.“

Dr. Rainer Schubmann, Chefarzt Kardiologie in der Dr. Becker Klinik Möhnesee, definiert seine Rolle so. „Für mich ist der Arzt Begleiter und Berater des Patienten. Ich will für den einzelnen Menschen in Fragen der Prävention, des Heilens und der Rehabilitation da sein und ihm aufmerksam zuhören.“ Dr. Rainer Schubmann ist Lehrbeauftragter an der Medizinischen Fakultät der Universität Duisburg-Essen. In seinen Vorlesungen geht es auch um Themen wie medizinisches Selbstverständnis und Kommunikation. Mehr Informationen finden Interessierte unter www.dbkg.de/schubmann.

Souveränität braucht Zeit und Erfahrung

Unsicherheiten sind am Anfang jedes Berufslebens ganz normal. Meister ihres Faches fallen nicht vom Himmel – das gilt auch für Ärzte. Wer das akzeptiert, lebt entspannter. „Ein großes Stück Gelassenheit ist für junge Ärzte ganz wichtig“, erklärt Dr. Schubmann. „Wir alle müssen lernen, dass wir nur dann souverän werden, wenn wir uns Zeit zum Lernen und Wachsen zugestehen. Gemäß dem Motto: Bereit sein, für das, was zu tun ist, und dabei möglichst entspannt mit uns selbst umgehen.“

Und wer nach einem hektischen Klinikalltag noch immer wie „unter Strom“ steht“? „Menschen gehen ganz unterschiedlich mit Anspannung im Berufsleben um“, so Dr. Schubmann. „Auch wenn bei uns auf eine Balance zwischen Freizeit und Beruf geachtet wird, kommt es immer mal wieder zu einem langen Arbeitstag. Wer dann nach anstrengenden Stunden unter Spannung oder sogar unter Hochspannung steht, sollte am besten zwei bis drei Mal in der Woche für mindestens 45 Minuten sportlich aktiv sein. Ich persönlich jogge gerne. Das ist unkompliziert auch nachts und zu jeder Jahreszeit möglich. Dabei kommt man auf andere Gedanken, kann die Anspannung abschütteln und der Körper wird gut mit Sauerstoff versorgt. Auch der Gang ins Fitnessstudio ist in der Regel bis nachts möglich und so auch für Menschen mit langen Arbeitstagen eine gute Lösung.“

Gespräche helfen. Wer sich in seiner eigene Rolle noch nicht gefunden hat, kann sich auch mit anderen austauschen. Was ist mir wichtig? Was wünsche ich mir für meine Karriere? Was möchte ich auf keinen Fall? Gespräche mit guten und erfahrenen Freunden sind oft schon eine große Unterstützung, weiter helfen auch Beratungen im Rahmen einer Supervision oder eine Selbsterfahrung im Rahmen der Ausbildung „Psychosomatische Grundversorgung“.

Innere Balance finden

„Jeder muss letzten Endes den für sich passenden Weg finden, um seine Rolle im Beruf zu finden und zu gestalten“, so Dr. Schubmann. „Aber es lohnt sich, sich den eigenen Unsicherheiten zu stellen und diese zu klären. Nur wer mit sich selbst im Reinen ist, kann mit ganzer Kraft auf seine Patienten eingehen und für sie da sein.“

Berufseinsteiger | Selbsverständnis Arzt | Selbstsicherheit | Selbstbewusstsein

Lachen ist gesund. Zwei persönliche Buchtipps mit humoristischem Blick in die Welt des Arztes gibt Dr. Schubmann jungen Berufskollegen:

  • Medizinerwelten. Die Deformation des Arztes als berufliche Qualifikation. Autoren: Bollinger u.a., erschienen im Zeitzeichen Verlag
  • House of God, Samuel Shem