Dienstag, 8. Juni

Vorbeugen mit dem Smartphone

Prävention

von Natascha Plankermann

Er bringt übergewichtige Patienten in Bewegung – und die mobile Technologie hilft ihm dabei: Hans-Detlev Stahl ist Dr. Digital, er wird auch Dr. Smartphone genannt. Der Leipziger Hausarzt sucht Kollegen, die Lust haben, in seinem ambulanten Behandlungsnetz AmBeNet mitzuwirken.

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Dass ein Smartphone viele Funktionen hat, wissen wir. Aber dass es dabei helfen kann, abzunehmen, Krankheiten vorzubeugen und gesundheitlich besser in Form zu kommen, klingt wie ein modernes Märchen. Hans-Detlev Stahl gehört zu den Pionieren unter den deutschen Ärzten, die dies bei ihren Patienten möglich machen. Erfolgsgeschichten erzählt er gern – wie zum Beispiel die von der 49-jährigen Frau, die es in drei Monaten durch sein Programm „Health Watchers“ geschafft hat, Pfunde zu verlieren, ihre Antidiabetika abzusetzen und die Dosis anderer Medikamente deutlich zu reduzieren. Und das alles mithilfe ihres Smartphones. Doch dazu später mehr.

Die Sicherheit von Medikamenten geprüft

Die Idee, Daten zu erfassen und für gesundheitliche Zwecke zu nutzen, kam Hans-Detlev Stahl im Jahr 2000 in einem anderen Zusammenhang: Damals gründete der Leipziger Internist, der seine Ausbildung unter anderem in Melbourne, Sydney und Basel gemacht hat, sein Unternehmen ClinPharm International GmbH. „Die Geschäftsidee war es, Daten zu sammeln, die notwendig sind, um die Sicherheit von Medikamenten vor der Marktzulassung festzustellen“, erzählt der Mediziner im Rückblick. Schon als Oberarzt im Institut für klinische Immunologie der Universität Leipzig war er gleichzeitig leitender Prüfarzt und damit neben seiner Festanstellung zu 50 Prozent selbstständig. Als er endgültig den Schritt in die freie Wirtschaft wagte, richtete er Prüfzentren ein und suchte Personal, das Zulassungsstudien für Medikamente betreute. „Ich habe zwar immer noch Patienten gesehen, war aber bald immer mehr Manager als Arzt“, sagt Dr. Stahl. „Und als ich meinen 50. Geburtstag feierte, habe ich mich gefragt, ob ich in den nächsten 15 Jahren noch so weitermachen möchte.“

Hausarzt mit dem Schwerpunkt Prävention

Die Antwort war Nein – vor allem angesichts der unternehmerischen Belastung. So verkaufte der Internist seine Firma schließlich im Dezember 2009 und stand schnell vor der nächsten Frage: Was würde er in Zukunft wichtig und interessant finden? „In einem Prozess über mehrere Monate wurde mir klar, dass ich klinisch tätiger, niedergelassener Hausarzt werden wollte.“ In Dr. Klara Wilhelm fand er die passende Partnerin und Ende 2011 wurde die gemeinsame Praxis gegründet. „Wir haben von Anfang an keine gängige Hausarztpraxis geplant, sondern nahmen uns den Schwerpunkt Prävention vor“, berichtet Dr. Stahl. Auf der Medizinmesse Medica hatte er 2010 in Düsseldorf die mobilen Hilfsmittel gesehen, die dabei inzwischen eine entscheidende Rolle spielen: Die Zusatzgeräte des Systems VitaDock der Telekom zum Smartphone, mit denen Patienten ihren Blutzucker, das Gewicht oder den Blutdruck messen können. Was anfangs wie eine technische Spielerei wirkte, wurde bald mithilfe von Dr. Hans-Detlev Stahl systematisch im Praxisalltag eingesetzt: Er ließ sich von IT-Experten eine passende Schnittstelle schreiben, um die Werte in sein Praxisverwaltungssystem überführen zu können. „Die gab es bis dahin noch nicht“, stellt der Arzt trocken fest. Mit seiner Initiative sorgte er für Staunen in Telekom-Kreisen, wo er bis heute als Vorbild gefeiert wird. Inzwischen können die Werte dem Arzt mittels einer neuen Applikation (App) direkt zur Verfügung gestellt werden.

Mobile Datenerfassung – für die Änderung des Lebensstils

Stahl nutzt diese Art der Datenerfassung für sein Präventionsprogramm „Health Watchers“. Er kontrolliert die Daten von übergewichtigen Patienten mit hohem Risiko für Herz-Kreislauferkrankungen, indem er diese vom Smartphone in die elektronische Patientenakte übernimmt: „Ein Jahr lang sind die Patienten dann bei einem speziellen Ausdauertraining dabei und können verfolgen, wie sich zum Beispiel ihre Blutdruckwerte verbessern. Das motiviert, den Lebensstil auch weiterhin zu verändern“, erklärte der Internist, der das gesundheitsfördernde Programm inzwischen schon vielen Kollegen in Qualitätszirkeln vorgestellt hat. Vom Thema Vorbeugung sind nicht alle so angetan wie er: „Ich höre oft, das man es aufgegeben habe, sich darum zu kümmern, weil sich der Aufwand auf Dauer nicht lohne.“ Natürlich muss auch Dr. Stahl noch beweisen, dass er langfristig Erfolge bei seinen Patienten vorweisen kann. Aber die Effekte, die sich schon innerhalb eines Jahres zeigen, stimmen ihn zuversichtlich. Und sie interessieren die Krankenkassen: Die AOK hat mit dem Leipziger Mediziner einen Vertrag über Modellprojekt abgeschlossen, um mehr Teilnehmer zu locken.

Ein Modellprojekt mit der AOK ist angelaufen

Denn: Umsonst ist „Health Watchers“ nicht, man muss etwa 75 Euro im Monat berappen – für die medizinische ebenso wie für die technische Unterstützung. „AOK-Patienten, die mitmachen, bekommen von Anfang an 175 Euro gutgeschrieben“, sagt Dr. Stahl. „Wenn sie ihr Ziel erreichen – zum Beispiel innerhalb von zwei Jahren bis zu zehn Prozent ihres Gewichts abnehmen – erhalten sie noch einmal bis zu 150 Euro.“ Einen Teil der Kosten müssen die Teilnehmer allerdings immer selbst bezahlen, damit sie das Programm wertschätzen und auch aus diesem Grund intensiv mitarbeiten. Insgesamt 18 Patienten sind momentan bei „Health Watchers“ dabei – darunter neun AOK-Versicherte. Bis Jahresende sollen es nach Willen von Dr. Stahl mindestens 50 Teilnehmer mehr sein. „Den Bedarf sehe ich ständig bei Menschen auf der Straße – das beflügelt mich auch bei Informationsveranstaltungen für Patienten“, erklärt er. Im übertragenen Sinne fühlen sich auch diejenigen beflügelt, die sich für das Programm entscheiden und in Bewegung kommen: In Fragebögen schreiben sie nieder, dass sie sich besser fühlen, froher gestimmt sind und sich nicht so schnell von ihrem Alltag erschöpfen lassen.

Die Lebensqualität steigt messbar

Der Arzt, der selbst gern läuft und Tennis spielt, kann dieses Gefühl gestiegener Lebensqualität bestens nachvollziehen. Doch für ihn spielt noch ein anderer Aspekt eine wichtige Rolle: „Ich sehe, dass Menschen, die zehn Kilo abnehmen, zufriedener leben als diejenigen, die fünf bis sechs Medikamente und mehr nehmen. Als Mediziner macht es mir Freude, wenn immer weniger Arzneien geschluckt werden müssen oder sich die Medikation sogar ganz stoppen lässt.“ Ein anderer Weg als dieser ist aus seiner Sicht für das Gesundheitssystem auf Dauer nicht tragbar. Deshalb möchte Dr. Stahl andere, auch jüngere Kollegen für sein „Modell der Zukunft“ begeistern: Der Arzt als Gesundheitsberater, der mobile Technologien als eine sinnvolle Unterstützung bei der Behandlung einsetzt. Das beeindruckt sogar „digital natives“ wie seine eigenen Töchter, die elfjährige Theresa und die zwölfjährige Luisa. Dabei sieht Dr Stahl seine eigene Praxis gern als eine Art Keimzelle an, die Vorbild für andere, ähnlich strukturierte Praxen innerhalb des Netzwerks „AmBeNet“ sein wird. Dr. Stahls Idee: „Die Kollegen könnten das Programm ,Health Watchers‘ selbstständig über ein Franchise-Konzept in ihrer eigenen Praxis anbieten. Das AmBeNet-Konzept sieht auch die Möglichkeit vor, dass interessierte Hausarzt-Kollegen die komplette Praxis plus Inventar bei AmBeNet langfristig mieten können.“ Dafür hat er gemeinsam mit seinen Mitarbeitern eine 150-seitige Dokumentation geschrieben, in der das Vorgehen bei dem Programm „Health Watchers“ im Detail geschildert wird.

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