Donnerstag, 2. September

Wenn Ärzte krank sind

Psychischer Druck

von Natascha Plankermann

Innere Bilder gehören zu unserem Leben. Sie begegnen uns in unseren Träumen, Erinnerungen oder auch Wunschvorstellungen über unsere Zukunft.

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Immer gesund sein und sich bloß nicht elend ins Bett legen – warum stehen Ärzte besonders unter dem Druck, diesen Eindruck erwecken zu müssen? Fünf Fragen an die Düsseldorfer Allgemein- und Arbeitsmedizinerin Dr. med. Antje Kisch.

Dr. med. Antje Kisch ist Fachärztin für Allgemeinmedizin und Arbeitsmedizin. Sie hat  die internistische, chirurgische und allgemeinmedizinische Facharztweiterbildung im Florence-Nightingale-Krankenhaus absolviert und war bis September 2018 in eigener Praxis in Düsseldorf tätig.

Weshalb meinen Ärzte, stets gesund sein zu müssen?

Das hängt vor allem mit dem Vertrauen zusammen, das die Patienten ihnen entgegenbringen. Die Mediziner sollen ihnen ihre Gesundheit wieder verschaffen und es verunsichert sie, wenn sie den Eindruck vermittelt bekommen, dass der Arzt selbst krank ist. Das kann verbal passieren, indem man sagt: Ich fühle mich nicht gut. Es kann aber schon reichen, dass man nicht wie ein Quell der Gesundheit auftritt, sondern bleich und abgespannt aussieht. Viele Patienten werden dann von der Sorge geplagt, sie könnten ihren Arzt verlieren. Ein anderer Grund ist der hohe ethische Anspruch, den Mediziner nonstop an sich selbst stellen: Sie wollen kraftvoll, kompetent und gesund wirken – und werden von Selbstzweifeln geplagt, wenn sie diesem „Überanspruch“ nicht gerecht werden. Das geschieht unter anderem, weil sie die Vorsorge, die sie den Patienten empfehlen, für sich selbst oft nicht beachten.

Gilt das nur für niedergelassene Mediziner, die als Selbstständige ja unter einem besonderen Druck stehen?

Nein, das trifft auch auf Krankenhausärzte zu. Wenn ein Kollege übernächtigt wirkt und als Folge der letzten Nachtdienste dunkle Ringe unter den Augen hat, dann glaubt ihm doch der Patient nicht, dass er ihm helfen kann. Eher kommt der Gedanke auf, dass der Arzt etwas übersehen könnte oder einen Fehler bei der Operation macht. Nach dem Motto: Der kann sich ja nicht einmal selbst helfen, wie soll er etwas für mich tun?

Aber jeder fühlt sich doch mal nicht gut…

Wir reden hier auch nicht von einem Schnupfen oder einem grippalen Infekt, sondern von ernsthaften, mitunter chronischen, z.B. psychischen Erkrankungen, die bei Medizinern durchaus häufiger auftreten und nicht selten mit einer Suchtentwicklung einhergehen. (Fast) jeder, auch Kollegen in der Gemeinschaftspraxis oder auf der Station im Krankenhaus, wird verstehen, wenn jemand beispielsweise wegen eines ansteckenden Infektes ausfällt. Oder weil er ein Bein gebrochen hat. Dauern die Auszeiten dann aber länger, weil ein Mediziner ernsthaft und über längere Zeit erkrankt ist, macht sich Unmut breit.

Wie kommt das?

Die Kollegen fühlen sich überlastet, weil sie die Dienste des anderen auch noch übernehmen oder immer wieder für ihn einspringen müssen. Das kann dazu führen, dass sie selbst krank werden. Weil dem „Patienten Arzt“ das natürlich bekannt ist, hat er ein schlechtes Gewissen und legt seine eigene Krankheit noch mehr als Schwäche aus. Viele kommen daher zu früh aus einer Auszeit zurück – bei Infekten können sie dann sogar noch zum Überträger werden und Patienten oder Kollegen anstecken.

Was sollte aus Ihrer Sicht dagegen unternommen werden?

Es ist tatsächlich wichtig, dass wir körperlich und seelisch fit sind und bleiben in unserem Beruf – schließlich geht es bei einigen Entscheidungen, die wir treffen, um Leben und Tod. Überhöre ich ein wichtiges Detail in einem Anamnesegespräch, weil ich krank oder nicht gut drauf bin – wie zum Beispiel, dass ein Patient Blut im Stuhl hat –, dann kann so etwas entscheidend für das Ge- oder Misslingen der gesamten Therapie sein!
Ich denke deshalb, dass schon Medizinstudierende ein humaneres Selbstbild entwickeln sollten. Dabei kann man sie im Studium unterstützen, indem der „Überanspruch“ an die eigene Gesundheit in Fächern wie Ethik und Psychologie z.B. mittels Gesprächsinterventionen thematisiert und trainiert wird. Es sollte darum gehen, wie ich als Arzt gut auf meine eigene Gesundheit achten kann, denn: „Wer nicht gut für sich selber sorgt, der kann auch auf Dauer nicht gut für andere sorgen.“

Anspruch | Arzt | Beruf | Krankheit | Selbstbild | Selbstzweifel | Stress | Überlastung