Donnerstag, 2. September

Wenn es ohne nicht mehr geht

Ärzte und Sucht

Gabriele Brähler

Ärzte sind überdurchschnittlich oft von Alkohol, Medikamenten und Drogen abhängig. Über Ursachen und Möglichkeiten der Hilfe: ein Gespräch mit Christoph Middendorf, Facharzt für Psychiatrie und psychotherapeutische Medizin an der Oberbergklinik Weserbergland.

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Der Griff zu Alkohol, Medikamenten oder harten Drogen ist für viele Menschen fast normal, wenn Probleme im Alltag und Beruf massiv auf die Seele drücken. „Ärzte sind überproportional häufig von Suchterkrankungen betroffen“, weiß Christoph Middendorf,Interims-Chefarzt der Oberbergklinik Weserbergland und medizinischer Geschäftsführer der Oberbergkliniken. „Rund 3,1 Prozent der Bevölkerung, so aktuelle Zahlen des Epidemiologischen Suchtsurvey 2012, sind suchtkrank. Bei den Ärzten sind es laut Bundesärztekammer wahrscheinlich etwa sechs Prozent, genaue wissenschaftliche Zahlen gibt es aber nur wenige.“

Horrorvorstellungen für jeden Patienten: Ein Chirurg, der mit zwei Promille im Blut das Messer ansetzt; ein Anästhesist, der noch kurz vor der Operation auf der Toilette eine Nase Kokain gezogen hat; ein niedergelassener Hausarzt, der Patienten abwimmelt, weil er „nachtanken“ muss.

Die Oberbergkliniken (Weserbergland, Schwarzwald und Berlin/Brandenburg) sind seit mehr als zwei Jahrzehnten spezialisiert auf die Behandlung von Suchtkranken.

Was sind die Gründe, dass Ärzte besonders oft abhängig werden.

„Es gibt mehrere Ursachen“, weiß Christoph Middendorf. „Für den Arztberuf sind zum einen verschiedene Stressfaktoren typisch. Viele Menschen in dieser Berufsgruppe sind extrem leistungsorientiert. Sie erwarten von sich, immer für ihre Patienten da zu sein, gestehen sich keine Fehler zu. Dazu kommen die hohe Arbeitsbelastung in den meisten Bereichen der medizinischen Versorgung, lange Bereitschaftsdienste, die Konfrontation mit menschlichem Leid und vielfach auch das Gefühl der Ohnmacht gegenüber Krankheiten.“

Medikamente und Betäubungsmittel jederzeit griffbereit

Permanenter Druck zehrt auf Dauer die psychischen Kräfte auf. Wer es nicht früh gelernt hat, mit Stress umzugehen und die eigenen Bedürfnisse wahrzunehmen, kann irgendwann einfach nicht mehr und sucht Entlastung; vielleicht erst bei dem überall verfügbaren „Helfer“ Alkohol. Oder er greift zu Stärkerem – Medikamenten, Betäubungsmitteln, Kokain oder anderen harten Drogen.

„Bei Ärzten kommt hinzu, dass Medikamente und Betäubungsmittel einfach zum Alltag gehören. Selbst zuzugreifen liegt da ganz nah“, schildert der 54-Jährige Facharzt. „Aus praktischen Fällen wissen wir, dass manche suchtkranke Ärzte, die in Krankenhäusern arbeiten, von Opiat-Medikationen etwas für sich abzweigen. Der Patient kriegt einfach weniger als verschrieben. So fällt es nicht auf und die Suchtkranken müssen nicht an den Betäubungsmittelschrank gehen.“

Abhängige Ärzte sind wie alle suchtkranken Menschen. „Die Fassade wird möglichst lange aufrechterhalten“, so der Spezialist. „Die Sucht wird verleugnet oder bagatellisiert. Keiner soll merken, dass man regelmäßig trinkt. Deshalb greifen viele Alkoholkranke zu Wodka, weil er keine ‚Fahne‘ verursacht. Oder Kranke wechseln häufig die Arbeitsstelle; auch so vermeiden sie, dass Kollegen auf ihre Sucht aufmerksam werden.“

Zur Person:
Christoph Middendorf, ehemals Oberbergklinik Weserbergland und medizinischer Geschäftsführer der Oberbergkliniken | AktuellOberberg Tagesklinik Kurfürstendamm Berlin

Hilfe aus der Sucht – hinschauen und ansprechen

Was können Familienangehörige oder Mitarbeiter tun, wenn sie merken, dass der Flachmann immer griffbereit liegt, sich die Persönlichkeit verändert und der Betroffene unzuverlässig, depressiv oder launisch wird? „Ganz schlecht ist es, aus falsch verstandener Solidarität zu schweigen“, rät Christoph Middendorf. „Ein Hinweis an Vorgesetzte ist kein Petzen, sondern verhilft im Einzelfall zu einem Weg aus der Sucht. In immer mehr Kliniken wird Wert auf ein offenes Klima gelegt, in dem auch Probleme eines ärztlichen Mitarbeiters angesprochen werden können. Wir haben es schon oft erlebt, dass Suchtkranken in ihrem beruflichen Umfeld geholfen wurde. Sie konnten nach einer erfolgreichen Therapie ihren Job behalten. Also – Kollegen sollten nicht schweigen, sondern hinschauen, ansprechen und helfen.“

Die Kommunikation mit Suchtkranken ist nicht immer leicht. „Ein mitfühlender Kontakt auf Augenhöhe ist wichtig“, rät der Facharzt. „Vermieden werden sollten Vorwürfe in Du-Botschaften. ‚Mir fällt auf, dass Du immer häufiger Termine vergisst‘ ist besser als zu sagen ‚Du machst Deinen Job schlecht‘. Fragen stellen, den Betroffenen zu einer Aussage bewegen – so kann man ins Gespräch kommen. Aber den Weg aus der Sucht finden Betroffenen natürlich erst dann, wenn sie vor sich selbst zugeben, abhängig zu sein.“

Entgiftung und Entwöhnung in einer Klinik

Wie sieht die Therapie in den Oberbergkliniken aus? „Es gibt zwei Phasen der Behandlung. Zuerst kommt die Entgiftung, dann die Entwöhnung. Bei uns folgen beide Phasen aufeinander, anders als in vielen anderen deutschen Kliniken, bei denen Wochen dazwischen liegen und damit ein großes Rückfallrisiko verbunden ist. Patienten bleiben in der Regel sechs bis acht Wochen bei uns. Diese kompakte Behandlung ist für viele wichtig, da sie zurück in ihren Alltag wollen“, so Christoph Middendorf. „Nach der Entgiftung erfolgt eine intensive psychotherapeutische Arbeit in Einzel- und Gruppensitzungen.“

Erfahrungen mit anderen teilen, sich selbst erforschen, die eigenen Wünsche respektieren lernen, Entspannung – in täglich bis zu fünf Therapiestunden fahnden die Kranken in der Oberbergklinik nach ihrem ganz persönlichen Weg zu einem Leben ohne Suchtmittel. „Ärzte müssen wie alle anderen Suchtkranken die eigenen Bedürfnisse anerkennen. Akzeptieren, dass sie selbst auch nur Menschen sind. Bei uns lernen sie, mit Ängsten und Scham sowie positiv mit Stress umzugehen. Was will ich in meinem Leben ändern, wie will ich weitermachen? Diese zwei Fragen sind ganz wichtig in unseren Sitzungen.“

Nachsorge von großer Bedeutung

Was alles anders sein müsste und wie man es umsetzen könnte – diese Erkenntnis ist im geschützten und umsorgenden Umfeld einer Klinik leicht; sein eigenes Leben zu Hause konsequent zu ändern dagegen schwer. Christoph Middendorf: „Wir bieten Ärzten, die in unserer Klinik eine Therapie gemacht haben, eine Nachsorge mit regelmäßigen Behandlungen an. Wir möchten unsere Patienten nicht allein lassen. Dieses Angebot hilft vielen, die guten Vorsätze auch tatsächlich umzusetzen und langfristig gut für sich zu sorgen.“

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